Augen, Angst und Psyche

Silvia Aachen, Samstag, 04. Mai 2019, 11:07 (vor 80 Tagen)

Liebe Leidensgenossen,
Wie habt ihr gelernt die Angst vor noch mehr Sehverlust in den Griff zu bekommen? Ich habe schon einiges unternommen und bin am Ball, jedoch beherrscht mich die Angst und Sorge. Mein Leben ist seid meiner CNV aus den Fugen geraten obwohl meine "Randbedingungen", meine Familie etc.sehr gut sind. Mit meiner Sehkraft auf meinem linken Auge geht es st├Ąndig auf und ab die Injektionen verschaffen mir bisher keine ruhigeren Befund, m├Âglicherweise liegt mein Leidensdruck daran.
Hier im Forum gibt es gen├╝gend Mitglieder die weniger sehen als ich,obwohl mein Sehen sich sehr sehr stark ver├Ąndert hat. Ich war immer ein positiver, lebensfroher Mensch, mir ist das alles abhanden gekommen.
Habt ihr "Anleitungen" ausgenommen Therapie und Medikamente, das mache ich alles schon.
Wie kann man ein Leben mit so schlechtem Sehen akzeptieren und genie├čen lernen?
Bin f├╝r alles offen,lieben Dank!

Augen, Angst und Psyche

Michael_03 @, BaW├╝, Samstag, 04. Mai 2019, 12:40 (vor 80 Tagen) @ Silvia Aachen

Hallo Silvia

es tut immer wieder gut zu wissen, dass ich mit meinen Sorgen nicht alleine bin.

Mir geht es wie Dir.

Aus meiner Sicht, hast Du ja selbst schon die L├Âsung beschrieben: das Leben so akzeptieren wie es ist.
R├╝ckg├Ąngig machen k├Ânnen wir's leider nicht.
Und verdr├Ąngen gelingt mir nicht.

In meinem Beitrag zum Thema Sport habe ich es selbst f├╝r mich so beschrieben:

Die NHA hat mein Leben ver├Ąndert.
Und mich auch.
Es ist vieles nicht mehr, wie es vorher war.
Nicht schlechter, nicht besser - aber anders.

Das Leben ist kein Problem, das es zu l├Âsen, sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren gilt.

Da m├╝ssen wir wohl durch.

Wenn es mir dreckig geht, denke ich an den Spruch.
Manchmal hilft's, manchmal nicht.

Ich habe auch eine Liste, wo ich reinschreibe was GUT ist: was ist gut: ich habe ein Dach ├╝berm Kopf, ich habe zu essen, meine Frau unterst├╝tzt mich, ...
Man darf sich auch ├╝ber Kleinigkeiten freuen.
Ich gebe zu, diese Kleinigkeiten waren fr├╝her eher selbstverst├Ąndlich f├╝r mich.
So gesehen entwickle ich eine andere Sichtweise auf das Leben.
Und meine alten Anspr├╝che an das Leben tausche ich gegen neue aus.

Ich tausche mich auch mit Forummitgliedern aus. Auch so kommt eine andere Sichtweise rein. Das hilft mir.

Ich versuche aktuell denjenigen Menschen aus dem Weg zugehen, die sagen: na jetzt hast Du ja wieder 'ne Brille auf. Ist doch alles in Ordnung.
Ist es eben nicht, aber das sieht man uns nicht an.
Und von so bl├Âden Spr├╝chen will ich mich nicht runterziehen lassen.
Vielleicht kann ich ja mal in Zukunft passend zur├╝ckkontern. :-P

Als Vorbild dient mir auch KAtharina. Sie hat ja f├╝r uns hier was auf die Beine gestellt und hilft uns dadurch. Trotz und gerade wegen ihrer eigenen Betroffenheit. Ist so das Thema: das Beste daraus machen.

Ansonsten versuche ich es mit Atemtechnik: ich atme die Vergangenheit aus, atme tief die Gegenwart ein, um gen├╝gend Kraft f├╝r die Zukunft zu haben.

Ferner versuche ich Stress aus dem Weg zu gehen, um meine Kraft nicht unn├╝tz zu vergeuden.

Und Galgenhumor darf nicht fehlen :-D .

Katzen streicheln nimmt bei mir auch die Anspannung weg.

Ich versuche es eben, manchmal hilft's ;-) , manchmal nicht :-( .


LG

Michael

--
Es hilft, mit anderen Betroffenen zu reden.
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Augen, Angst und Psyche

Blickpunkt68 @, Bayern, Samstag, 04. Mai 2019, 13:14 (vor 80 Tagen) @ Silvia Aachen

Hallo Silvia,

das ist eine sehr gute Frage. Bin auch die Antworten gespannt.
Auch ich k├Ąmpfe seit 10/2017 noch mit den Folgen meiner Netzhautabl├Âsung und meinen Visus(rechts ca.10 %).
Ich hatte das Gl├╝ck gleich einen Termin beim Psychologen zu bekommen. Dort bin ich immer noch in Behandlung. Ich war auch letztes Jahr in einer psychosomatischen Reha. Die Wochen dort haben mir sehr gut getan, sowohl zur Erholung des K├Ârpers als auch f├╝r meine Psyche. Es gibt aber immer wieder R├╝ckschl├Ąge, die Abst├Ąnde werden l├Ąnger.

Es ist ein Gl├╝ck, dass man uns Netzis nichts ansieht, aber es gleichzeitig auch ein Problem. Bei einem Beinbruch sieht man die Folgen und es ist f├╝r alle nachvollziehbar, wenn das Bein nicht mehr richtig funktionert. Bei uns aber nicht! Ich m├Âchte nicht mehr erkl├Ąren, warum ich manche Sachen nicht mehr mache, warum so vieles so anstrengend ist. Ich rechtfertige mich schon nicht mehr so oft wie fr├╝her. Es ist so! Ich habe schon viel ver├Ąndern (m├╝ssen) und das akzeptieren f├Ąllt auch mir schwer.

Wenn es ein Patentrezept g├Ąbe, w├╝rde ich es sofort anwenden.
Mein Psychologe sagt immer, "sie haben schon viel erreicht und ver├Ąndert, das soll ich sehen". Ich habe das Tal der Tr├Ąnen (Aussage bei der Reha) hoffentlich schon ├╝berwunden und bin bald bereit, alles zu akzeptieren. Aber alles braucht seine Zeit. Und die Zeit darf man sich auch geben.

Mein gesundes Auge hat -6,5 Diop. und mittlerweile auch eine Glask├Ârperabl├Âsung. Hier hilft mir nur hoffen, verdr├Ąngen und hoffen und vertrauen. Und trotzdem ist die Angst ein st├Ąndiger Begleiter, der mich vielleicht auch besch├╝tzt aber auch ausbremst.

F├╝r uns alle w├╝nsche ich ,dass sich nichts verschlechtert und wir auch das Gute und Positive sehen.
;-)

Augen, Angst und Psyche

Blindfisch_01, Samstag, 04. Mai 2019, 14:54 (vor 80 Tagen) @ Silvia Aachen
bearbeitet von Blindfisch_01, Samstag, 04. Mai 2019, 14:57

Ja, ich wei├č wie es dir psychisch geht. Ich habe von 2009-2012 gebraucht, um den Gro├čteil der Angst zu ├╝berwinden.

Mir hat geholfen, dass ich alle Dinge des t├Ąglichen Lebens komplett blind erledigen kann. Ich habe seit 2012 meinen Laptop-Bildschirm ausgeschaltet und arbeite nur noch mit blindenspezifischen Hilfsmitteln wie Braillezeile oder Sprachausgabe.

Ich denke, dass die Angst n├Ąmlich nicht die Angst vorm Erblinden ist, sondern vielmehr die Angst, wie man dann alle allt├Ąglichen Dinge erledigen kann.

Seitdem ich eh alles vollblind erledigen kann, ist die Angst weg, weil ich wei├č, dass ich auch so ein normales Leben f├╝hren kann.

In Deutschland kann man froh sein, dass es f├╝r alles Hilfen und Hilfsmittel gibt. In anderen L├Ąndern w├Ąre man blind gleich gesellschaftlich unten durch.

Mein Spruch lautet ├╝brigens:
Aber selbst wenn ich mein Augenlicht verliere, so richtig Angst habe ich nicht, denn ich kann immer noch denken, ich kann immer noch h├Âren, ich kann sprechen und ich kann laufen. Und solange meine Beine mich tragen, laufe ich erst mal weiter. Und das am liebsten vorw├Ąrts durchs Leben!

--
Mein Erfahrungsbericht
http://www.forum.netzhaut-selbsthilfe.de/index.php?id=42210

Von 20% auf 2% Restsehverm├Âgen gesunken (gesetzlich blind)
LA: Amaurose, RA: Optikusatrophie
Retinopathia Praematurorum bds.

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